Graue Haare – OH SCHRECK!

Ein Selbstversuch, Teil 1:

Die Höhen und Tiefen beim Rauswachsen lassen des grauen Haaransatz.

Mit Lockdown-Antifärben-Tagebuch.

Ob Pixie-Schnitt, Jennifer Beals Locken aus «Flashdance», Bob lang, Bob kurz: Ich hatte sie alle. Meine Haare waren schon braun, blond, rot oder pink gesträhnt: Warum man frisurentechnisch nichts wagt, besonders in jüngeren Jahren, ist mir schleierhaft. Mich langweilen diese «Püppchenfrisuren», die viele Frauen tragen. Die anscheinend nur darauf bedacht sind, zu gefallen, ohne jemals aufzufallen. Bei Topmodel-Shows interessiert mich ausschliesslich die Folge, in der die Haare geschnitten werden. Wenn aus den nichtssagenden, immer gleich aussehenden Mädchen ein ganz eigener Typ wird. Ich gestehe, in meinem Hochmut habe ich sogar schon einer Freundin gesagt, sie habe eine Nicht-Frisur: Lang, etwas wellig, sehr langweilig. Sie trägt es mir heute noch nach – zu Recht. Ich bin ein Haar-Terrorist. Und dabei auch nicht besser als die anderen.

Gerade aber ändert sich meine Ausgangslage drastisch: Ich werde grau. So richtig grau. Mitte zwanzig habe ich das erste schimmernde Haar entdeckt, ab Mitte dreissig hat das mit dem Rauszupfen nicht mehr funktioniert. Ab da hiess es färben, färben, färben. Da meine Haare schnell wachsen, alle 3-4 Wochen. Im Grunde liebe ich ja Coiffeurbesuche. Die sind gut zum Entschleunigen. Aber nahdisnah begann mich der Aufwand, den ich für vermeintlich jugendliches Haar betreiben musste, immer mehr zu stressen. Die Chemie auf meiner Kopfhaut, das Geld, das ich dafür investierte – alles viel zu viel.

Dann kam Corona. Der Lockdown. Und ein Besuch bei meiner Lieblingscoiffeuse war nicht mehr möglich. Selber Färben aber auch keine Option, obwohl der verräterische Haaransatz schon in Prä-Corona-Zeiten unübersehbar war. Ich nahm also – um im Bilde zu bleiben – die Gelegenheit beim Schopf und wagte den Selbstversuch. Hier mein Lockdown-Antifärben-Tagebuch:

Woche 1: I’m strong, I’m healthy and full of energy! Let’s do this!

Woche 2: Ich durchforste die sozialen Netzwerke nach positiven Beispielen von von mir verehrten Frauen, um mir selbst Mut zu machen.

Woche 3: Ich durchforste die sozialen Netzwerke nach negativen Beispielen von von mir verehrten Frauen, um mein Vorhaben zu sabotieren.

Woche 4: Wie zur Hölle haben diese tollen Frauen die Tortur des Grau-Rauswachsens durchgehalten?

Woche 5: Wann gehen die Coiffeurgeschäfte wieder auf?

Woche 6: Im Videochat mit meinem Team, das durchschnittlich halb so alt ist wie ich, sehe ich mich und denke: Ich sehe alt aus. Ich frage nach. Mein Team findets gut. Sind meine Mitarbeiter einfach nur nett zu mir, weil ich ihre Vorgesetzte bin?

Woche 7: Mein Mann ist entspannt. Er mag alles an mir. Ist schön, aber bringt mich irgendwie nicht weiter.

Woche 8: Erste Lockerung der Quarantäne. Ich treffe meine Mutter und meine Gotte. Beide finden es toll. Ich denke mir: Logisch, ist auch ihr Job, mich toll zu finden.

Woche 9: Warum spricht mich niemand auf den grauen Haaransatz an? Weil es so schlimm aussieht? Interessiert es niemanden? Oder hat sich vielleicht doch nicht so viel verändert?

Fazit: Ich habe durchgehalten. Ich fühle mich wie eine Pionierin (warum eigentlich?) und bin nun die Erste mit grauen Haaren in meinem engeren Freundeskreis. Der reagiert unterschiedlich. Meine gleichaltrigen Freundinnen und jüngeren Freunde finden die ergrauten Strähnen erstaunlicherweise gut, viele gleichaltrige Männer mit Halbglatze und/oder grauem Schopf mögen keine Frau mit grauen Haaren. Viele getrauen sich nicht, mich darauf anzusprechen. Manchmal kommt es mir so vor, als hätte ich Spinat zwischen den Zähnen, auf den man nicht hingewiesen wird, als fehle der Mut und die richtigen Worte dafür. Warum, das könnte ich mich immer noch fragen: Weil es so schlimm aussieht? Interessiert es niemanden? Oder hat sich vielleicht doch nicht so viel verändert? Zum Glück stellt sich mir selbst aber nur noch eine einzige Frage: Warum macht man so ein Aufsehen darum, wenn eine Frau zu ihren grauen Haaren steht?

NB: Die ergraute Isabel Marant sagte in einem Interview, das ich gefunden habe, als ich mich mit dem Stichwort «Graue Haare» durchs Netz gegoogelt habe: «When things are too clean, sometimes they are a bit frightening. I like wrinkles, I like the stains of age. Imperfection has a lot of charm. It has its own language and I think it speaks much more than something that is completely perfect. It’s never perfect so you search for perfection but you never totally reach it.» Ich mag sie.

https://www.youtube.com/watch?v=diZ1yFDTA5Q

Mein Herz schlägt für die Achtziger, es pocht im Takt von New Order, Talk Talk und Sade. Meine Lieblingsdekade ist meine Berufung: Ich gebe der jüngeren Generation gern weiter, dass der «Breakfast Club» kein Frühstück serviert, sondern einer DER Filmklassiker schlechthin ist. Ich möchte «When the Rain Begins to Fall» zum kulturellen Allgemeinwissen machen und das Jahrzehnt, das meinen Jugendschwarm George Michael zur Pop-Ikone machte, ordentlich würdigen. Nach dem Motto «Forever Young» lege ich darum trotz länger werdenden Regenerationszeiten in einer Zürcher Langstrassen-Bar 80er-Hits auf und rief die Filmreihe «Cocktails & Dreams» ins Leben. Dass ich an den Partys zu den Ältesten gehöre, spielt keine Rolle. Ich liebe es, die Generationen zusammenzubringen. Mein Freundeskreis zählt Endzwanziger bis Silver Agers. Beruflich begann meine Kommunikationslaufbahn Ende der Neunziger als Quereinsteigerin in der Musik- und Filmbranche. Mitte der Nullerjahre wechselte ich auf die Agenturseite und bin geblieben. 2012 gründete ich meine eigene PR- und Kommunikationsagentur, die drei Jahre später und ein weiteres Mal Ende 2019 fusionierte. Nun bin ich Teilhaberin der elliott AG und der «The Silver Magazine»-Herausgeberin SB Agency GmbH. Seit zehn Jahren fungiere ich ausserdem als PR-Delegierte des Zurich Film Festival. Kultur treibt mich um – auch im Hier und Jetzt.

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