SILVER?
REALLY?

Silver? Really?

Von Boomern und grauen Haaren

Als die Initiantinnen des Magazins mich zum ersten Mal anfragten, ob ich als Bloggerin an einem Magazin für junggebliebene Über-50-Jährige mitschreiben wolle, freute ich mich natürlich, da ich ja durchaus etwas zu dem Thema zu sagen habe. Denn Ü50, das bin ich. Mit allem was dazugehört: Einerseits mit Herausforderungen wie erwachsen werdenden Kindern, gefühlter Stagnation im Job, zunehmend hängender Gesichtsmitte, Verzicht auf Carbs, Hitzewallungen, schrumpeligen Knien… und andererseits mit neuen Chancen, die die zweite Lebenshälfte eröffnet: Die Liste der möglichen Themen ist lang. Als dann der Name des Magazins feststand, war ich kurz etwas irritiert. Silver Magazine? Wirklich jetzt? Was habe ich damit zu tun? Wo ich mich doch so freue, dass ich tatsächlich noch kein einziges weisses Haar habe. Ein schönes Erbe meiner Mutter, die jetzt mit 83 allmählich etwa zu 50% «silver» ist.

Silver Magazine also. Millenials belächeln uns, wenn wir auf Instagram ein überstrapaziertes Hashtag verwenden oder weil wir überhaupt noch «Instagram» sagen; wir sind zwar die cooleren Eltern als es unsere waren, aber eben immer noch die Eltern wie in «alt».

«Ui nei Mama, du bisch SOO alt» ist der ultimative Diss seitens der Kinder. Wenn wir zum Beispiel die Lesebrille aufsetzen müssen, um ein Meme auf ihren Handys zu lesen. «Boomers» nennen sie uns, und es ist nicht nett gemeint. Boomers wie in Babyboomer, nur, dass schon alles über 40 mit «Boomer» betitelt wird.

Als ob Jungsein etwas wäre, worauf sie sich etwas einbilden dürften. Schliesslich sind wir die Vorkämpfer für sie, wir definieren jetzt, wie es sich für sie einst im Alter leben wird.

Wie oft schon haben wir im Freundeskreis festgestellt, dass wir uns am Rap-Konzert deplatziert fühlen, obwohl das schon seit den frühen 80ern unsere Musik ist. Wir haben noch die Anfänge der Hip-Hop-Kultur miterlebt, wenn auch aus der Ferne. Da waren die Kids noch lange nicht auf der Welt. Oder warum gibt es keine coolen Clubs, die nicht von 16-Jährigen, die sich als 18-Jährige ausgeben, überbevölkert sind? Wer schon mal an einer der raren «Roxy-Parties» in Zürich-West war, weiss, wie verzweifelt sich da die gesamten Ex-Szeni-«Boomers», die einst in den frühen 80ern im Roxy verkehrten, nochmals im extremsten Gedränge versammeln, weil sie dürfen: Die Parties sind für mindestens Ü50-Jährige konzipiert. Aber auch dort fühle ich mich nicht wirklich verstanden: Ich höre ja nicht nur Musik aus den 70ern und 80ern, nur weil ich damals jung war. Ich lebe im Hier und Jetzt, nicht in der Vergangenheit. Ich passe meinen Modestil ja auch der Zeit an, in der ich gerade lebe. Ein Projekt, in das ich investieren würde: in einen Club für Menschen in meiner Altersgruppe, aber ohne Retro-Groove. Wo kein Millennial «jöö, so cool seid ihr auch da» sagt, wenn er mich dort antrifft und damit eigentlich meint: «Oh Gott, was macht IHR denn da?!».

Mir graut es davor, dass einst alle meine Freunde, die die gleichen Interessen haben wie ich, ausgestorben sein werden und ich einsam im Altersheim sitze und auf das Café Complet warte, während im Hintergrund Radio 1 läuft.

Wir sind nicht die erste Generation, die sich viel jünger fühlt als sie ist. Aber wir haben viel mehr Möglichkeiten, als sie unsere Eltern hatten. Die Arbeitswelt ist flexibler geworden, die Medizin hat enorme Fortschritte gemacht in den letzten 30 Jahren, und die Gesellschaft ist – zumindest bei uns – zunehmend toleranter verschiedenen Lebensformen gegenüber. Mit Luft nach oben, aber immerhin.

Aber zurück zum «Silver Magazine». Genau darum geht es wohl: Um uns Ü50-Jährige, die noch etwas vorhaben. Und ich bin dabei!

In Zürich geboren und aufgewachsen, habe ich zunächst Japanologie studiert, und als mir das Japanisch Lernen nicht schnell genug ging, wanderte ich Ende der 80er Jahre nach Tokio aus, wo ich schliesslich heiratete, 2 Kinder bekam und 10 Jahre lebte. 1997 kehrte ich mit den Kindern in die Schweiz zurück und lebe seit 2003 mit meinem jetzigen Mann und dem gemeinsamen Sohn wieder in der Stadt Zürich. Aus Interesse für das Reisen absolvierte ich eine Zusatzausbildung in Tourismusmarketing, war Kommunikationschefin eines japanischen Kosmetikunternehmens und arbeitete in verschiedenen PR-Agenturen, wo ich hauptsächlich Beauty-, Lifestyle- und Modemandate betreute. Heute organisiere ich Ärztekongresse, habe mir aber die Begeisterung für Beautythemen, Japan, Reisen und das Schreiben bewahrt. Zudem esse, trinke, koche und mixe ich mit Leidenschaft, Exotisches ebenso wie Bodenständiges. Ich liebe die Popkultur, und das ist mir kein bisschen peinlich.

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