After Work auf dem Olymp

Von allen guten Göttern verlassen
Stopp! An dieser Stelle muss ich einhaken und das göttliche Gespräch kurz unterbrechen. Ich weiß genau, meine lieben Freund*innen, die wir hier das Gespräch der Götter belauschen – ich weiss genau, welches Gespräch meine Freundin Pallas Athene den Göttern erzählen wird. Ihr müsst wissen, dass ich mich damals von allen guten Göttern verlassen gefühlt habe. Im wahrsten Sinne des Wortes. Da kam mir Pallas Athene bei unserem gemeinsamen Sport gerade recht. Ich war so enttäuscht und konnte mich vor Wut nicht mehr zurückhalten. Ich erzählte ihr beim Joggen von der Diagnose meiner Tochter und von der Schiene und all den Komplikationen. Und ich fragte ohne Umschweife:
«Athene, ich hab mich doch bisher wirklich all Euren Herausforderungen gestellt und versuche Familie und Beruf in Würde auf die Reihe zu bekommen. Aber alleinerziehend mit ZWEI sozusagen behinderten Kindern? Warum auch das noch?»

Und stellt Euch vor, die weise Athene wusste keine rechte Antwort mehr und meinte nur lapidar: «Marie, starke Frauen bekommen starke Aufgaben.»

Aber psssst… horcht, die Götter sprechen gerade genau über diese Situation. Bin gespannt, was Athene jetzt weitererzählen wird…

Ein Schicksal – zwei Bedingungen
«Und? Was hat Marie auf diesen weisen Satz hin gesagt?» will Kairos wissen. Dabei beugt er sich leicht nach vorne und blickt Athene fragend in die Augen.
«Marie redete einen Kilometer lang kein Wort mehr mit mir! Nach einer gefühlten Ewigkeit machte sie den Mund auf und sagte, dass andere Menschen ja noch viel schlimmere Schicksale zu meistern hätten und dass sie diese Aufgabe annehmen werde. Allerdings nur unter zwei Bedingungen.»
«Die da wären?» fragt Chronos, während sein Blick gedankenschwer auf dem grossen Stundenglas in seiner Hand ruht.
«Sie antwortete ‚Ich gebe mein Bestes. Aber ich brauche ab und an Eure Unterstützung. Wenn ich Euch um Hilfe anrufe, dann möchte ich, dass Ihr mir helft. Und zwar unverzüglich‘. Das war ihre erste Bedingung.»
«Ganz schön fordernd», meint Artemis, «und was war die zweite Bedingung, Athene?»
«Die zweite Bedingung war, dass wir ohne Wenn und Aber zu akzeptieren hätten, wenn sie zu uns sagt ‘Ich kann nicht mehr’.»
Die Götter schweigen einen Moment. Es ist still auf dem Olymp. Nur der Wind, der ohne Unterlass den Gipfel säuselnd umspielt, ist zu hören. Schliesslich durchbricht Kairos das Schweigen.
«Hast Du die Bedingungen angenommen?» Wieder schaut er lauernd in die Augen der schönen Athene.
«Ich fand, das war ein fairer Deal. Und wir alle haben dann ja auch gut zusammengearbeitet. Im Job hat Marie mit meiner Hilfe ein paar smarte Überlebensstrategien entwickelt, mit denen sie nicht nur die in sie gesetzten Erwartungen erfüllen, sondern diese hin und wieder auch übertreffen konnte.»
«Darauf einen Toast!» ruft Kairos aus, erhebt das Glas und lachend stossen die fünf Götter und Göttinnen miteinander an.
«Auf uns und natürlich auf Marie!»
Chronos nimmt den Faden wieder auf: «Ich gebe ja zu, ich hatte sie von morgens bis abends durchgetaktet. Aber ganz ehrlich: Sie mochte das. Und sie wurde mit der Zeit immer besser darin. Aber wir haben ihr ja auch regelmäßig Auszeiten gegönnt – für ihre Tête-à-Têtes mit ihrem Freund – oder mit Kairos.»
Der grinst und hebt erneut das Glas: «Bruder, damals hattest DU eindeutig die Nase vorne. Aber ich war mir ziemlich sicher: Meine Zeit wird schon noch kommen.»

 

Das Leben geht seine eigenen Wege
Blenden wir uns für einen Moment aus dem göttlichen Gespräch aus. Ich will erzählen, wie es mit mir weiterging: An meinem 50. Geburtstag gab ich ein rauschendes Fest. Alle meine Lieben waren da, mein geliebter Partner Christian, meine Kinder, meine Familie aus der Eifel, Kolleg*innen, Freund*innen. Und einen Plan hatte ich auch! Christian und ich würden endlich zusammenziehen, und zwar in der Nähe von Nürnberg, mein Sohn würde mit uns ziehen. Ich würde nach München pendeln müssen, aber wahrscheinlich nur ein- bis zweimal die Woche. Mich erwartete ein ruhiges, liebevolles und beständiges Leben. Dachte ich.
Mit 52 war mein Traum geplatzt. Christian hatte mich verlassen. Völlig überraschend. Er hatte sich Hals-über-Kopf in eine andere verliebt. In dieser schweren Zeit war ich froh, in meinem Beruf Halt und Anerkennung zu finden. Diese berufliche Sicherheit schwand allerdings in den nächsten Jahren mehr und mehr. Mit 55 beschloss ich, mich privat und beruflich neu zu erfinden. Konnte ich erneut auf die Unterstützung der Götter hoffen?

 

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Von den Göttern getragen
Lauschen wir wieder in die Runde hinein. Gerade spricht Eros, der Gott der Liebe.
«Damals war Marie stocksauer auf mich, dass ich ihr ihren Christian genommen hatte
Athene kichert:
«Ja, sie hat sehr mit uns gehadert. Sie dachte, wir wollten ihr übel mitspielen. Sie konnte ja nicht wissen, was wir wussten, nämlich, dass wir noch etwas anderes mit ihr und ihrem Leben vorhatten.»
«Und diesmal, lieber Chronos», unterbricht Kairos das Gespräch, «wollte ich sie Dir nicht mehr so einfach überlassen. Es war an der Zeit, mich stärker in Eure Beziehung einzumischen.»
«Höre ich da etwa Eifersucht heraus?» bringt sich Artemis lächelnd ins Gespräch ein. «Ihr sprecht so, als wären Frauen eine Beute, die es unter Euch aufzuteilen gilt! Ich wette, Marie hätte da doch auch ein Wörtchen mitzureden. Oder etwa nicht?»
«Du sagst es, liebe Artemis», pflichtet ihr Athene bei, «über die Jahre hatte ich Marie ja bereits ausgiebig im strategischen Kampf unterrichtet, aber auch in Kunst und Weisheit. Und Du, liebe Artemis, hast sie die Selbstfürsorge gelehrt. Hast sie auf die Berge und in die Wälder geführt und ihr sogar das Reiten beigebracht. Jetzt, mit Mitte 50, die Kinder aus dem Haus, konnte Marie auf neue Art und Weise zeigen, was sie gelernt hatte.»

Mit Kairos in neue Abenteuer
Genau das tat ich dann auch. Kairos bot mir sagenhaft günstige Gelegenheiten an – ich musste nur immer schnell genug sein, ihn und damit sie am Schopf zu packen. Es begann eine aufregende berufliche Zeit, ich habe viel darüber geschrieben. Und Eros, der meinte es dann auch noch einmal gut mit mir und liess seinen Pfeil zu einem chaotischen, charmanten, charismatischen Philosophenfürsten fliegen.
Und damit bin ich für heute ans Ende meiner Geschichte angelangt.