Azubi mit Verfallsdatum

Weshalb geht ein über 50-jähriger in die Ferne und drückt die Schulbank mit Kommilitonen, die seine Kinder sein könnten?

Ein Müsterchen aus dem Schulalltag

Heng-Tatt Lim, Dozent für Directing und Cinematography, führte ein: «Ein Apfel ist der Held. Ihr habt drei Stunden Zeit, Ideen, Geschichten untereinander zu pitchen und euch für eine zu entscheiden. Macht unter euch aus, wer die Geschichte schreibt, wer die Kamera übernimmt, wer das Licht setzt, Regie führt und wer die Hauptrolle spielt. Dann schneiden, Musik und/oder Dialog drunterlegen und der Klasse zeigen. Ihr habt drei Stunden Zeit. Ab jetzt!» Erstaunlich gesittet und ruhig ging das ab. Nach der ersten halben Stunde wurden die Geschichten präsentiert, jede*r eine oder mehrere, und eine Viertelstunde später war sie bereits bestimmt. Die Beste von elf. Und es war die Jüngste der Vierergruppe, Marjin, 18, aus Amsterdam, die gewonnen hatte. Erstaunt oder eher beeindruckt war ich darüber, wie viele gute Ideen in so kurzer Zeit zusammenkamen. Die Gruppe fand meine Ideen zu werberisch, das war ganz ok, aber ich wurde auch noch als Schauspieler erkoren. Wohl nicht meiner tollen schauspielerischen Fähigkeiten wegen, sondern vielmehr weil meine tiefen Falten im Gesicht vor der Linse schlicht mehr hergaben als all die glatte Haut um mich herum. Mein Stern als Schauspieler in zahlreichen Filmmakingkursübungsfilmchen war aufgegangen.

Und die Pointe der Geschichte?

Dass die einen oder anderen meinen Rat suchten, nicht etwa in Sach-, sondern vielmehr in Lebensfragen, war nicht nur der Tatsache geschuldet, dass ich reicher an Erfahrung war. Der Austausch war gegenseitig sehr anregend, und wir führten viele Gespräche auf – überraschenderweise – gleicher Augenhöhe. Tatsächlich haben sich echte Freundschaften daraus entwickelt, die bis heute bestehen. In etwa mit Marina aus Brasilien, die heute in Rio erfolgreich fotografiert und filmt, Piotr aus Polen, der in seiner Heimat bereits an zwei sehenswerten Krimiserien als Assistent Director beteiligt war. Oder Evelyn aus Taiwan, die Filme als Kunstform auslebt und schliesslich Vish aus Indien, der bereits seinen zweiten Feature-Film in die indischen Kinos gebracht hat. Und alle noch keine 27 Jahre alt!

 

Und ich? Tja, was ist die Pointe der Geschichte? Keine schalen Weisheiten wie «Erfülle deine Träume, es ist nie zu spät» oder «Höre nie auf zu träumen». Diesen Mist glaubt eh keiner mehr in unserem Alter. Eher so etwas wie «Alt bist du dann, wenn dich nichts mehr inspiriert» oder «Nichts ist so leidenschaftlich wie die Jugend, höre ihr zu, erinnere dich und lerne. Es ist ansteckend» oder so. Film ist und bleibt meine Leidenschaft. Storytelling die Tätigkeit, die mich am meisten erfüllt. In allen möglichen Facetten und Formen. Mein Shortfilm, bei dem mein Freund und Fotograf Stephan Schacher hinter der Kamera stand, gewann einen Preis und war auf einer Shortlist. Gemeinsam mit ihm hatte ich einen Music-Clip und einen Fashionfilm produziert. Es war angerichtet und doch kam es anders als geplant. Dazwischen lag Brasilien und damit einhergehend eine kleine «Kunst»-Pause. Tja, auch im Alter verläuft das Leben nicht immer ganz so gradlinig. Das ist sehr gut so und eine ganz andere, eine nächste Geschichte.