Die Magnolien und der Wahnsinn

MEINE MUTTER, DIE MAGNOLIE

In den Wirren meiner Pubertätsjahre stand ich im Frühling oft in der Dämmerung auf dem Balkon meines Zimmers und blickte auf die schimmernden Blüten unseres riesigen Magnolienbaumes, deren sanfte Schönheit mich tröstete und für eine Weile von meinen Sorgen erlöste.
Er war so alt wie das Haus, welches meine drei Schwestern und ich mit unserer Mutter und einigen Tieren bewohnten.
Der Frühling war bei uns meistens eine schlimme Zeit.
Unsere Mutter war manisch-depressiv; heute heisst das bipolar.
Ihre Erkrankung brach Mitte der 70er Jahre aus, meine jüngste Schwester war zwei Jahre alt.
Kürzlich sah ich beim Durchqueren der coronabedingt leeren Zürcher Bahnhofshalle einen Informationsstand eines Vereins für psychisch Kranke und deren Angehörige, an dessen Namen ich mich nicht mehr erinnern kann.
Heute – 45 Jahre nach Ausbruch dieser für die Betroffenen und deren familiären Umfeld ungeheuer belastenden Krankheit – würde unsere Mutter weniger stigmatisiert und ihr Zustand weniger tabuisiert werden als damals.
So hoffe ich zumindest.
Damals wurde nur hinter vorgehaltener Hand über Depressionen & Co. gesprochen.
Ein Aufenthalt in einer Psychiatrie – oder noch schlimmer in der geschlossenen Abteilung einer Psychiatrie – blieb für immer an dem betroffenen Menschen kleben.

Heute sind diese Erkrankungen kein Ausnahmephänomen mehr, wie wir alle wissen.
Ist die Hürde, eine Depression, Bulimie, Drogensucht oder ein Borderline-Syndrom zu thematisieren, weniger hoch als 1976, dem Jahr als bei meiner Mutter der erste depressive Schub ausbrach?
Sie stand vor der Waschmaschine im Ferienhaus der Schwiegereltern und war nicht mehr in der Lage, die Alltagsroutine einer Wäsche zu bewältigen, weil die schwarze Welle über sie hereinbrach.
Die Schnelldiagnose «Burn-out» geht uns leichter über die Lippen und muss inzwischen für Manches herhalten, was auszusprechen zu qualvoll wäre.
Fair enough.

Alles ist besser, als das verklemmte Schweigen von damals.
Oder täusche ich mich? Lithium ist bei Bipolarer Erkrankung immer noch State of the Art bei der medikamentösen Behandlung manisch-depressiver Phasen und hilft die Kurven abzuflachen. Ein mir nahestehender Mensch aus meinem näheren Umfeld kann so seinem Beruf nachgehen und ein liebevoller Ehemann und Vater sein.
Es steht kein rosafarbener Elefant im Zimmer, wenn man mit ihm zusammen ist, und die Frage nach seinem Befinden löst keine Beklemmung aus.

UPPERS AND DOWNERS

Aber wieviele Menschen schlucken Tabletten ohne eine eigentliche Diagnose?
Einfach weil sie angstfreie und nie ermüdende High Performers bleiben wollen. Bleiben müssen.
Wann fällt das Diktat der allzeit bereiten, absoluten Belastbarkeit in unserer hochtourigen Leistungsgesellschaft?
Trägt die jetzige Zeit der Pandemie – deren Ende wir noch nicht kennen – dazu bei, dass wir mutiger mit den eigenen psychischen Grenzen und mit Erschöpfung umgehen lernen?
Verständnisvoller denen gegenüber werden, die nicht 150 % mit dem heutigen Tempo in unserer Arbeitswelt mithalten können, mehr Ruhe und Zeit brauchen als Andere?
Ich hoffe es für uns alle.

NETZWERK UND SORGENTELEFON

Damals wurde der psychisch kranke Mensch behandelt – dem seelischen Zustand der Ehepartner und Kinder hingegen wurde kaum Aufmerksamkeit geschenkt. Hat sich das geändert? Es gibt heute Anlaufstellen wie zum Beispiel der Verein Netzwerk Angehörigenarbeit Psychiatrie (www.angehoerige.ch) oder die Pro Juventute. Diese bietet Kindern und Jugendlichen das Sorgentelefon an (www.projuventute.ch).

IMMER IM FRÜHLING

Mir gab damals der Anblick der blühenden Magnolie Kraft und Ruhe.
Heute besuche ich sie im Frühling, diese stolzen Resilienzköniginnen und bedanke mich bei ihnen für die jährliche Dosis Lebensfreude.