Generations-übergreifendes Arbeiten.

Wenn Arbeitsstile aufeinander prallen: «Lass uns das doch einfach mal raushauen»

Wie erlebt Niklas die Arbeitsstile seiner älteren Kolleg:innen, und wie passen diese zu seinen eigenen?

«Eine Eigenart von Älteren ist mir aufgefallen, und die steigt parallel zum Alter: Die können sich stundenlang an einem Satz aufhalten. Und alles muss immer mit allem abgestimmt werden. Ich hatte vor kurzem eine Einladung zu einem Meeting erhalten, da haben wir tatsächlich mit fünf Personen eine halbe Stunde lang über eine Power Point Seite gesprochen. Wo ich mir denke: Lass sie uns doch raushauen, wenn es dann nicht klappt, dann lernen wir draus.»

Ich kichere. Das Phänomen kenne ich nur zu gut. Ich bin tatsächlich in einer Arbeitskultur gross geworden, in der Perfektionismus keine Schwäche, sondern eine Stärke darstellte. Und in der die Abstimmung mit allem das Überleben im Konzern sicherte. «Einfach mal machen!» war vor 20 Jahren einfach unvorstellbar. Mittlerweile hat sich dieser Pragmatismus in vielen Unternehmen durchgesetzt. Ich selbst hörte ihn vor fünf Jahren zum ersten Mal, und er wirkte auf mich wie eine befreiende Explosion. Das «Einfach mal machen!» der jungen Generation setzte auch bei mir Älteren eine ungeheure Energie frei.

Der Umgang mit der Technik und den digitalen Medien

Niklas und die Generation Z ist in die mobile Internetwelt hineingeboren – ich vertrete eine Generation, die sich mit den technischen Neuerungen eher schwertut. Dieser Unterschied war mir so klar, dass ich das Thema eigentlich nicht gross zur Sprache bringen wollte. Dennoch kommt die Frage: «Niklas, wie erlebst Du die IT-Kompetenz der älteren Generation in unserem Unternehmen?»

Niklas erzählt mir, dass er häufig als IT-Hotline benutzt wird. Was ihm grundsätzlich nichts ausmacht, weil er gerne hilft. Aber er wird gefragt bei Dingen, die man viel schneller googeln könnte. Oder die man durch ein bisschen Ausprobieren selber herausfinden könnte. Und er erzählt mir von Kollegen, die beim neusten Tool abwehrend fragen: «Muss ich das wirklich noch lernen?»
Ich versuche, Verständnis bei meinem jungen Kollegen zu wecken. Ich habe noch Stenografie gelernt und meine ersten Briefe mit Durchschlagpapier (cc = carbon copy!) auf einer mechanischen Schreibmaschine getippt. Ich erzähle ihm davon, wie die rasanten und radikalen technologischen Entwicklungen und die Umbrüche in unserem Unternehmen ein Gefühl der Verunsicherung auslösen können. Wissen veraltet so rasant! Da kann man schnell den Anschluss verlieren. Doch jammern hilft nichts: Wenn ich in meinem Job weiterhin erfolgreich sein will, dann muss ich die digitalen Arbeitsinstrumente beherrschen. Zumindest die Grundlagen.

Berufliche Perspektiven und Verbundenheit mit dem Unternehmen

Wie schaut ein junger Mensch auf unser Unternehmen? Ich erwarte kritisch-wohlwollende Distanz bei Niklas, denn man sagt der jungen Generation nach, dass sie sich emotional nicht mehr an eine Firma binden würde. Niklas überrascht mich jedoch. Denn er reagiert nahezu euphorisch auf meine Frage. Er erzählt mir begeistert von den coolen Leuten und den tollen Jobs, die es bei uns gibt. Und die vielen Entwicklungsmöglichkeiten! Ich höre ihm fasziniert zu. Und weise ihn zart darauf hin, dass auch Menschen sich gerne auch noch jenseits der 50 beruflich entwickeln möchten – schliesslich haben sie bis zur Rente noch einige Jahre vor sich. Ich erzähle ihm von Kollegen, die sich aufs Abstellgleis geschoben fühlen oder gar Angst vor einem Ausstellungsangebot haben. Spüre, wie ihn das betroffen macht.
Ganz zum Schluss entspinnt sich ein Dialog, der mir unvergesslich bleiben wird:

Niklas: «Siemens, ja, das kann man so sagen, ist im beruflichen Kontext meine erste grosse Liebe.»

Gerda-Marie: «Liebe, das ist ein sehr starkes Wort. Zu Beginn war das mit Siemens und mir eher eine Vernunftbeziehung. Die Liebe hat sich erst über die Jahre entwickelt, und ich denke, wir führen heute eine sehr reife Beziehung. Aber ob Siemens meine letzte Liebe sein wird, da bin ich mir nicht so sicher.»

Niklas: «Kannst Du auch nicht. Die erste Liebe ist immer die erste Liebe, und Du weisst, dass es die erste Liebe ist. Aber ob die letzte Liebe wirklich Deine letzte Liebe ist, kannst Du erst im Nachgang sagen.»

Ach, Niklas. Ob Dir die Schwere dieses Satzes wirklich bewusst ist? Ich sehe schon: Der Stoff zum Reden wird uns so schnell nicht ausgehen.

Für heute unser Resümee: «Generationendialog» – das hört sich so gewaltig an. Und ist doch so einfach. Sich Zeit nehmen und sich offen begegnen. Den Dialog bewusst suchen. Von seinen eigenen Erfahrungen erzählen. Zuhören. Dann klappt das schon mit der generationenübergreifenden Zusammenarbeit. Das finden jedenfalls Niklas und ich.

Hier gehts zum Podcast über den Generationendialog:

Podcast: Leben für Fortgeschrittene

https://fortgeschrittene.podigee.io/53-generationen-im-gespraech