Ein wilder Ritt

Sti(e)llos

Die Sitzposition ist erhaben. Man hat das Gefühl, oberhalb der Dachkante eines 911er zu thronen und die Strasse zu überschauen. Top. Mit dem Riesenlenkrad hat man ordentlich was in der Hand und unendlich viel Platz, die 1.80 Meter Gesamthöhe geben ein luftiges Gefühl.

Wo der alte Willys einen geschätzt einsfünfzig Meter langen Ganghebel hatte, mit dem man mit Muskelkraft die Ritzel bearbeiten musste, hat dieser Jeep so ein stummeliges kurzes dickes Ding, was ja ganz ansprechend in der Faust liegt, wenn man es denn bedient, was man ja aber selten muss, denn es ist ein Automatik.

Ein Automatik! Allein das schon ein Affront in einem Geländewagen. Eigentlich. Ja klar, wie es heute üblich ist, kann ich den Witz von Schalthebel in die M-Position für manuell stellen und so tun als würde ich selbst schalten. Dann wechselt er aber genau so ungern die Gänge, entscheidet sich nicht immer so, wie man möchte, um zügig voranzukommen, eher spät, also lässt man es, bleibt im Automatikmodus, resigniert. Nein, lieber handgeschaltet, dann kann man bewusst seinen Gedanken nachhängen, bis der Gang eingelegt ist und nachspüren, man weiss ja dann.

(K)ein Platz im Leben

Was macht man mit so einem Biest mit Lamminnenleben? Wild durch die Stadt cruisen? Die Energiebilanz erwähnt man besser nicht. Und wenn man sich in die eh schon volle Urbanität mit diesen 4.88 Metern Blech und Plastik eingliedern will, fühlt man sich total fehl am Platz. Statt anerkennender Blicke erntet man Kopfschütteln und das ist irgendwie auch nachvollziehbar.
Sogar ausgebremst wird man, geschnitten, und in den engen Parkhäusern eines Supermarktes ist man genau so fehl am Platz wie ein U-Boot in der Badewanne (ein geklauter Vergleich, old school F1-Piloten sagten das über das Navigieren ihrer Boliden in einem engen Stadtkurs wie beispielsweise in Monaco). Also raus aufs Land. Aber wo denn? Ausser man nennt eine eigene Jagd sein Eigen oder hat eine Kiesgrube oder ein Châlet in den Bergen: Ohne geteerte Strassenzufuhr braucht man so eine Uridee eines 4X4 Riesendingens einfach nicht. Und nur zum einfach Sitzen und sich-erhaben-fühlen, ist es zu viel Auto, dafür könnte man auch mal kurzfristig – verbotener Weise – einen Hochsitz am Waldrand besteigen, das ist umweltschonender und gibt einem wenigstens das Gefühl von Weitsicht.

Sinn und Unsinn

Fazit: Der Ritt ist wild, weil dieser Jungspund, mit dem 80 Jahre Jeep gefeiert werden sollen, direktes Lenkverhalten für überflüssig hält, man muss arbeiten, wenn man rangieren will. Und Gross ist gut. Wenn man keine anderen Ansprüche hat. Ansonsten nein danke. Vielleicht wenn ich mal eine Farm habe und eine halbe Stunde von der Haustür bis zu meinem Briefkasten fahren muss, dann gerne in so einem Jeep Wrangler JL Unlimited Rubicon. Aber dann in einer weniger auffälligen Farbe und der Klimazustände geschuldet als 4xe Plug-in-Hybrid (den es seit Neuestem gibt). Ich weiss, das tut weh, Willys, aber es wäre konsequent. Die wehmütige Erinnerung an den unzähmbaren Kerl von damals bleibt. Versprochen.

PS: Der Testwagen, den ich bewegen durfte (eigentlich nur, weil meine Tochter ihn zur Verfügung hatte und damit lustige Dinge angestellt hat), kostet(e) in der Basisversion 70 500 Franken (Preise ändern sich…), so wie er da stand mit all der Sonderausstattung, die Testwagen so zu haben pflegen, 79 195 Franken.