Bei einer Blockade den Cache löschen

Bei einer Blockade den Cache löschen

Als Unternehmer*in ist man Stress und Druck gewöhnt, auch das gleichzeitige Führen von Mitarbeitern, das Jonglieren von Cashflow-Situationen, das Verantworten von Projekt-Deadlines und das Denken und Umsetzen strategischer und operativer Herausforderungen. Und wie viele andere auch haben auch Unternehmer*innen hie und da mit «Murphys Law» zu kämpfen, sprich mit der Situation «Anything that can go wrong, will go wrong».

So richtig heftig habe ich eine solche Situation vor drei Jahren erlebt
Ich führte damals gleichzeitig zwei Firmen, bei denen ich beteiligt war. Ich hatte zwar ein wirklich tolles Team, aber sehr komplexe Projekte mit vielen dringlichen Herausforderungen zu verantworten. Gleichzeitig musste ich Mitarbeiter gehen lassen und anderen kündigen, obwohl wir understaffed waren. Eine der Firmen hatte zudem mit Cashflow und Finanzierungsproblemen zu kämpfen und bewegte sich in eine gefährliche Richtung. In dieser Zeit schwankte ich täglich zwischen Feuerlöschen, Delegieren, Motivieren und selber Anpacken. Aufgrund dieser vielen Herausforderungen gab es täglich so viele Meetings, dass ich mich jeweils beim Hinfahren, im Bus oder Uber, vorbereiten konnte und von Mitarbeitern gebrieft wurde. Manchmal kam ich mir vor wie im Film, nur dass ich dann abends, nachdem ich meinen Sohn zu Bett brachte, auch noch den Geschäftsalltag abarbeiten musste. Ich klappte also täglich um 21 Uhr den Laptop auf dem Küchentisch auf und arbeitete bis spät in die Nacht beziehungsweise bis in den frühen Morgen meine Mails ab, erstellte Konzepte für Kunden und entwickelte einen neuen Businessplan. Privat war ich damals emotional stark angeschlagen, ich stand nach 27 Jahren Ehe vor einer Scheidung und der Termin war gesetzt und kam jeden Tag näher. Das nagte an mir, und die Frage nach dem «Wieso haben wir es nicht geschafft» begleitete mich damals erneut täglich. Und auch mein Sohn hatte zu dieser Zeit eine schwierige Zeit in der Schule und wurde regelmässig verbal wie körperlich angegriffen. Er fürchtete sich jeden Morgen und er weinte jeden Abend. Wenn ich also von «Murphys Law» spreche, dann weiss ich seit diesem Sommer, wie beschissen sich das anfühlt. Ich bin jemand, der sehr viel Stress und Druck aushält, aber bei mir kam dann doch die Angst auf, dass mir alles um die Ohren fliegen und ich die Kontrolle verlieren könnte.

OMG
«Jetzt noch Ferien mit Sohn, bester Freundin und deren Kindern» dachte ich damals, als wir mitten in meinem Chaos in die geplanten Sommerferien reisten und mir nicht klar war, wie ich die Probleme fernab und mitten im Ferienrummel in Ordnung bringen konnte. Dabei strahlten mich drei erwartungsvolle Kinderaugenpaare im Flieger an; die Kids hatten sich ja schon seit Wochen auf die Strandferien auf Sardinien gefreut. Das kann ja heiter werden… Die ersten 48 Stunden waren die schwierigsten. Man denkt konstant an den Stapel ungelöster Dinge. Der Kopf schwirrt einem, aber man kann sich nicht darauf konzentrieren, weil die Ruhe fehlt. Zwar war die Ruhe auch vorher nicht vorhanden, im Büroalltag, an den regelmässigen Meeting-Marathons, wegen des konstanten Telefongeklingels und dem operativen Deadlinestress. Aber die Unruhe, weil man gerade nichts tun konnte, war schier nicht auszuhalten. Mir war auf dem Liegestuhl inmitten von fröhlichem Kinderlachen und kristallklarem Wasser klar, dass die versöhnliche Ergänzung zu Murphys Gesetz «…und man findet immer jemanden, der es wieder in Ordnung bringt» hier nicht greift, sondern dass ich ganz klar selber Lösungen finden musste und zwar rasch.

Das Unmögliche hat vieles wieder möglich gemacht
Distanz, so lernte ich in diesem Sommer, ist in solchen Fällen das beste Mittel, um Blockaden zu lösen, um wieder frisch denken zu können, um Konsequenzen zu ziehen, um Dinge kritisch zu hinterfragen und um Prioritäten neu zu setzen. Und um zur Ruhe zu kommen. Eine ganz andere Ruhe, als man denkt, dass man sie braucht. Der Ferientrubel benötigte eine kurzfristige Neupriorisierung meiner Aufmerksamkeit. Dadurch konnte mein Hirn runterfahren. Und dann passierte alles von alleine und mir war plötzlich, ohne angestrengt nachdenken zu müssen, klar, was zu tun war. Mann, war ich erleichtert! Ich konnte nun wieder, aus der Ferne und mit Distanz, kritisch hinterfragen, strategisch konzentriert denken und klar delegieren. Nachdem ich mir ein paar Stunden Zeit genommen hatte, um das Wichtigste in die Wege zu leiten, kehrte endlich eine innere Ruhe ein und ich konnte die Ferien nun auch geniessen. Erst jetzt merkte ich, wie schön wir es hatten. Und wie gelöst und fröhlich alle waren – mich konnte ich jetzt sogar miteinschliessen. Die Sorgen waren noch nicht weg, aber ich war wieder Herr der Dinge, war nicht mehr überfordert und konnte wieder handeln.

Die Blockade überwinden
Man ist nebst der Verantwortung, für die man sich im Geschäftsleben entscheidet, in erster Linie auch einfach ein Mensch, der auch Verschnaufpausen braucht – eine Verschiebung der Aufmerksamkeit, um runter- und dann wieder hochzufahren. Natürlich kann man dafür nicht immer in die Ferien fahren. Wichtig dabei ist, dass man sich bewusst Zeit für etwas nimmt, das eine komplett andere Konzentration fordert, zum Beispiel für Freunde ein 5-Gang Menu kochen, ein komplexes Musikstück spielen oder auch ganz einfach den Keller aufräumen und dabei entscheiden, was man behält und was man weggibt. Im Moment wo man den Cache im Kopf leert, passiert nichts. Danach kommen einem die besten Lösungen.

@ Painting (und Santana Album Cover) by Mati Klarwein

In einem 200 Seelen Dorf im Berner Oberland aufgewachsen, zog es mich immer schon in die weite Welt hinaus. Gearbeitet habe ich dann 21 Monate in New Delhi, einige Monate in Wien, Stuttgart und Genf, war on and off immer wieder in der Schweizer Hauptstadt zuhause und weilte auch länger in Texas und Paris. Dass ich nun aber doch schon fast die Hälfte meines Lebens in Zürich verbringe, hätte ich als junges Mädchen nie für möglich gehalten, denn ich fand Zürcher insgesamt zu arrogant und gleichzeitig zu provinziell. In Zürich aber habe ich mich selbständig gemacht, gründete die unterschiedlichsten Firmen, konnte meine Leidenschaft zum Beruf machen, wurde Mutter, war einmal im Scheidungsgericht und mehrmals im Fernsehen. Ich habe Fails initiiert und Erfolgreiches, gab als Nicht-Akademikerin Unterricht an Fachhochschulen und bin mittlerweile Profi im Umziehen, denn ich tat dies ganze 12mal (privat und geschäftlich) in dieser Stadt. Ich bin eine Optimistin und mag es nicht, wenn Menschen nörgeln und nichts dagegen tun. Mit Literatur und der ironischen Namensgebung «swissandfamous» hat mein unabhängiges Unternehmertum angefangen. Danach folgte die Crowd-Realität mit wemakeit und emotional Storytelling mit letsmuseeum. Dazwischen gab es noch so einiges das ich angepackt, initiert und umgesetzt habe. Mal erfolgreich, mal weniger. Ich bin gespannt, was noch so alles auf mich wartet. Ich bin ja erst 48, da steht einem die Welt noch offen, oder? Das sagen jedenfalls alle Ü50er, und die sollten es ja wissen.

Gerda-Marie Adenau Gerda-Marie Adenau says:

Liebe Rea, wie gut es tut zu wissen, dass anderen Menschen manchmal auch der Himmel auf den Kopf fällt. Herzlichen Dank für Deinen Artikel. Und ich schalte jetzt den PC ab. Liebe Grüße Gerda-Marie

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