Azubi mit Verfallsdatum

Weshalb geht ein über 50-jähriger in die Ferne und drückt die Schulbank mit Kommilitonen, die seine Kinder sein könnten?

Azubi mit Verfallsdatum

Zumindest gesetzlich gesehen gibt’s keine Altersgrenzen für Aus- oder Weiterbildungen. Allerdings – da müssen wir uns nichts vormachen – egal welche Bildung: Die Chancen für einen spektakulären Raketenstart im Karriereherbst sind in etwa so realistisch wie eine offene Klostertüre. Weshalb geht dann ein über 50-Jähriger in die Fremde und drückt die Schulbank mit Kommilitonen, die seine Kinder sein könnten?

Natürlich wegen der Leidenschaft, in meinem Fall für das Medium Film, und dem Drang, Geschichten erzählen zu dürfen, die – als frischgebackener Ex-Werber – für einmal nichts mit Brands, Kunden und Produkten zu tun haben. Die New York Film Academy in NYC sollte es sein. Seit Jahren auf meinem Sehnsuchtsradar, das Anmeldeformular zigmal ausgefüllt, entweder nicht abgeschickt oder einmal mehr storniert. Nie hat es geklappt, weil eben der Job wichtiger/die Zeit zu knapp/immer eine passende Ausrede bereit war oder die Familie im Vordergrund stand. Bis der Frust zu nagen begann, unerträglich anwuchs und eine lebensverändernde Entscheidung greifbar war.

 

NYC und nirgendwo sonst

«I want to be part of it …», sang Frankie Boy in seiner Hymne, und genau dieses Gefühl hatte sich sofort bei mir eingestellt, als ich 1983 erstmals New York City mit eigenen Augen sah und alles um mich herum aufsog. Wenn man jemanden gut riechen kann, dann mag man diesen Menschen. Gut gerochen hatte es damals in meinem Checker Cab auch bei runtergekurbeltem Fenster nicht. Beileibe nicht. Und trotzdem stieg die totale Faszination minütlich, als mein ständig hupender indischer Taxifahrer über die Queensboro Bridge hektisch um andere Autos zirkulierte und dann die 5th Avenue im ruppigen Stop-and-go-Modus lautstark fluchend runterzirkelte. Etliche Besuche später hatten sich NYC und seine Yellow Cabs stark verändert, deren Fahrweise allerdings nicht und ebenso wenig meine ungebrochene Faszination für diese City und der Wunsch, part of it zu sein.

 

2017 war es endlich so weit. Die Kids erwachsen, die Agentur verkauft, Beziehung los und einfach frei. Der Kurs an der New York Film Academy war bestimmt, die Anmeldung unterschrieben, die Schule bezahlt, und nach dem absurden Gang durch das amerikanische Visumantragslabyrinth musste nur noch ein Flug gebucht und die Bleibe bestimmt werden. In der Business Class – das hatte ich mir geleistet und, ganz ehrlich, auch einfach neidlos verdient – fiel der Startschuss zu meinem neuen Lebensabschnitt mit einem mittelprächtigen Cüpli in der Hand und purem Glücksgefühl im Herzen. Aufgenommen und aufgehoben bei meiner lieben Freundin Denise sollte dieser Aufenthalt an der Bowery, der über zwei Jahre dauerte, eine meiner intensivsten, schönsten und wertvollsten Lebensphasen werden.

 

Tag eins

Die offizielle Begrüssung fand in dem Raum statt, wo kurz zuvor Schauspieler*innen abwechselnd mit Tänzer*innen geactet und geschwitzt hatten. Junge Menschen belagerten die Flure, es gab viel Gelächter und Fachsimpeln. Da kam mir unweigerlich der Film «Fame» in den Sinn. «Scheisse, ich bin wohl der Einzige hier, der diesen Film kennt», schoss es mir durch den Kopf. Und schon forderte Jonathan Whittaker, der Vorsteher des Short-term Intensive Programs, nachdem er unterhaltsam und ausführlich durch das bevorstehende Mammutprogramm geführt hatte, alle Azubis zur Vorstellungsrunde auf. Hoppla, damit hatte ich nun nicht gerechnet. Und schon ging’s los, Reihe um Reihe, bis ich mich an die Audience richten musste. Ganz ehrlich, es fühlte sich in diesem Moment äusserst unangenehm an aufzustehen, mitten in diesem Raum voller junger energiegeladener Menschen, die den Alten mit offenem Mund und grossen, ungläubigen Augen angafften. Meine Bemerkung, dass meine Mitstudentinnen und -studenten meine Kids sein könnten, wurde nur von den Lehrkräften mit einem herzhaften Lachen quittiert. Von den Twens erntete ich ein müdes, ja schon fast mitleidiges Lächeln, was mir meine Kids während der Pubertät schenkten, wenn sie mich jeweils mega peino fanden. In diesem Augenblick dachte ich nur, ob ich denn noch bei Sinnen sei, mich auf so etwas einzulassen.

 

Das Intensive Program hatte seinen Namen verdient. Keine freien Tage, nicht mal am Weekend, um 9 Uhr morgens spätestens ging’s los, oftmals endeten die Tage erst um 8 Uhr abends. Wer fehlte oder zu spät antanzte ohne plausible Erklärung oder Entschuldigung, kriegte einen Eintrag. Nach drei Einträgen drohte der Schulverweis. Ein wohlgemeinter Einschüchterungsversuch, der obsolet war. Denn die Leidenschaft, mit der diese jungen Talente jede Lektion aufsaugten, diese ansteckende Energie, mit der sie ans Werk gingen, sich überall einbrachten und mitmachten, jeden Tag und durch viele Nächte, in denen ich meistens nicht dabei war, das war schlicht grossartig.

 

Jetzt war ich endlich part of it! Mitten in einem wahnsinnig aufregenden und spannenden Alltag inmitten meiner Lieblingsstadt. Nach wenigen Tagen war ich nicht mehr der Exot, sondern nur ein anderer Angefressener unter Angefressenen. Der Altersunterschied war erstaunlich schnell gegessen und löste sich in etwa so auf wie ein Tiki im Wasser. Schnell, prickelnd und süss. Typisch amerikanisch, hands-on, war die Ausbildung. Was gelehrt wird, wird sofort umgesetzt. Aber selbstverständlich nicht auf dem Silvertablett serviert und gerne unter gehörigem Zeitdruck.

Ein Müsterchen aus dem Schulalltag

Heng-Tatt Lim, Dozent für Directing und Cinematography, führte ein: «Ein Apfel ist der Held. Ihr habt drei Stunden Zeit, Ideen, Geschichten untereinander zu pitchen und euch für eine zu entscheiden. Macht unter euch aus, wer die Geschichte schreibt, wer die Kamera übernimmt, wer das Licht setzt, Regie führt und wer die Hauptrolle spielt. Dann schneiden, Musik und/oder Dialog drunterlegen und der Klasse zeigen. Ihr habt drei Stunden Zeit. Ab jetzt!» Erstaunlich gesittet und ruhig ging das ab. Nach der ersten halben Stunde wurden die Geschichten präsentiert, jede*r eine oder mehrere, und eine Viertelstunde später war sie bereits bestimmt. Die Beste von elf. Und es war die Jüngste der Vierergruppe, Marjin, 18, aus Amsterdam, die gewonnen hatte. Erstaunt oder eher beeindruckt war ich darüber, wie viele gute Ideen in so kurzer Zeit zusammenkamen. Die Gruppe fand meine Ideen zu werberisch, das war ganz ok, aber ich wurde auch noch als Schauspieler erkoren. Wohl nicht meiner tollen schauspielerischen Fähigkeiten wegen, sondern vielmehr weil meine tiefen Falten im Gesicht vor der Linse schlicht mehr hergaben als all die glatte Haut um mich herum. Mein Stern als Schauspieler in zahlreichen Filmmakingkursübungsfilmchen war aufgegangen.

Und die Pointe der Geschichte?

Dass die einen oder anderen meinen Rat suchten, nicht etwa in Sach-, sondern vielmehr in Lebensfragen, war nicht nur der Tatsache geschuldet, dass ich reicher an Erfahrung war. Der Austausch war gegenseitig sehr anregend, und wir führten viele Gespräche auf – überraschenderweise – gleicher Augenhöhe. Tatsächlich haben sich echte Freundschaften daraus entwickelt, die bis heute bestehen. In etwa mit Marina aus Brasilien, die heute in Rio erfolgreich fotografiert und filmt, Piotr aus Polen, der in seiner Heimat bereits an zwei sehenswerten Krimiserien als Assistent Director beteiligt war. Oder Evelyn aus Taiwan, die Filme als Kunstform auslebt und schliesslich Vish aus Indien, der bereits seinen zweiten Feature-Film in die indischen Kinos gebracht hat. Und alle noch keine 27 Jahre alt!

 

Und ich? Tja, was ist die Pointe der Geschichte? Keine schalen Weisheiten wie «Erfülle deine Träume, es ist nie zu spät» oder «Höre nie auf zu träumen». Diesen Mist glaubt eh keiner mehr in unserem Alter. Eher so etwas wie «Alt bist du dann, wenn dich nichts mehr inspiriert» oder «Nichts ist so leidenschaftlich wie die Jugend, höre ihr zu, erinnere dich und lerne. Es ist ansteckend» oder so. Film ist und bleibt meine Leidenschaft. Storytelling die Tätigkeit, die mich am meisten erfüllt. In allen möglichen Facetten und Formen. Mein Shortfilm, bei dem mein Freund und Fotograf Stephan Schacher hinter der Kamera stand, gewann einen Preis und war auf einer Shortlist. Gemeinsam mit ihm hatte ich einen Music-Clip und einen Fashionfilm produziert. Es war angerichtet und doch kam es anders als geplant. Dazwischen lag Brasilien und damit einhergehend eine kleine «Kunst»-Pause. Tja, auch im Alter verläuft das Leben nicht immer ganz so gradlinig. Das ist sehr gut so und eine ganz andere, eine nächste Geschichte.

Zugvögel und Zigeuner hatten mich nie wirklich interessiert. Ausser, dass mir nachgesagt wurde, dass ich beides bin und ich die Serie Arpad, der Zigeuner in meiner Jugend wahnsinnig cool fand sowie eine unvergessliche Nacht mit singenden und tanzenden Fahrenden um das nächtliche Lagerfeuer bei Saintes-Maries-de-la-Mer nachhaltig in Erinnerung blieb. Locker und weit über zwanzig Mal bin ich in meinem Leben umgezogen, habe viele Länder bereist, konnte mich nie entscheiden, wohin ich eigentlich gehöre, weil ich es mir fast überall, wo ich neues entdeckte, hatte vorstellen können zu leben. Dieses so vielseitig interessiert sein, hatte sich auch auf meine Berufswahl abgefärbt. Kinderarzt war mein Traumberuf, aber Schauspieler oder Jazzmusiker fand ich genauso toll. Nach Ausflügen im Rechts- und Grafikstudium, ein wenig Wirtschaftsjournalismus und einem Schuhladen wurde es schliesslich die eigene Werbeagentur und thesilvermagazine. Zwei wundervolle erwachsene Kinder und ein absolut spannendes und aufregendes 25-jähriges Werberleben später in Zürich, hat das Zigeunerleben wieder Fahrt aufgenommen. In meiner Herzensstadt NYC verband ich den nächsten längeren Stopover mit meiner Leidenschaft zum Film, nach einem folgenfrohen Zwischenstopp im Kiteparadies Brasilien, landete ich in Hamburg, wo die Entwicklung einer App mich zentral beschäftigte und breche nun – fast zwei Jahre später – wieder auf zu neuen Ufern, mit neuer Familie und sehr viel Entdeckungs- und Abenteuerlust im Gepäck.

Cécile Dünner says:

“Erfülle deine Träume, es ist nie zu spät”…diese Worte hast Du definitiv umgesetzt, bravo!!
Nur weiter so!

Serge Riedener says:

Danke ma chère, ich werde Deine Worte zu Herzen nehmen: «Nur weiter so!» 😉

Caspar says:

Lieber Serge, dass du kein Stubenhocker bist, weiss ich seit Jahrzehnten. Ich glaube, viele von uns haben oder hatten mindestens einmal im Leben diesen Wunsch, mal hier, mal dort zu leben, die eigene Welt zu vergrössern. Aber Du hast es gemacht-, Chapeau !
Und: coole Geschichte.
Herzlich

Serge Riedener says:

Mon cher,
Na ja, du ja auch nicht so wirklich. Merci!

Frank Nader says:

Lieber Serge
Was soll ich sagen? Bravo! Den Mut, immer ‘was Neues zu machen, bzw. endlich das zu machen, was einem Spass macht! Impressive!
Und übrigen auch gut geschrieben!
Greetz
Frank

Serge Riedener says:

Danke fürs Kompliment! Und schön immer weiter an deiner Gitarre zupfen. I like! 😉

Tanja says:

Grossartig, lieber Serge! Alles richtig gemacht! Ich freue mich auf Dich, hoffentlich bald mal wieder irgendwo, ob in Zürich, Hamburg oder wo auch immer… Ganz viel Glück und wie es Chiara so schön gesagt hat: never stop dancing!

Serge Riedener says:

Never stop dancing: Das haben wir drei ja im Blut… ;DD Und Chiara ist übrigens an der Reihe! Auch gerne wieder mal in Zürich.

Jörg says:

Serge!!! Inspiring!!! Hoffe wir schaffen es uns mal in HH zu sehen. Bin vom 23.-27.09 für einen Fotojob dort und in st. Peter Ording. Vielleicht klappt’s ja…
Hug
Jörg

Chiara says:

Mit mir im Doppelback oder Schlepptau?!
Drücker für dein neues Familienglück und wir wissen: never stop dancing!!

Luca says:

Sehr schön und interessant. Bravo Serge.

Diego says:

Serge, grosses Kino – im wörtliche und übertragenen Sinn: Chi non pedala, si ferma.

Pat says:

Lieber Serge, so herrlich über dich zu lesen. Bin froh dass du so happy mit deinem Leben in Hamburg bist. Schade finde ich es schon weil wir hätten gerne öfter mit dir ein Bier hier in Zürich getrunken. Your one of my kind 😎.
💋💋 sua amiga do Prea!

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