Ich bin dann mal weg ... Auszeit im Dschungel

Ich bin dann mal weg … Auszeit im Dschungel

Wenn mir schon das Arbeiten verboten wird, dann gibt es wenig Gründe für mich, die Kälte, die kurzen Tage, das Grau und den steigenden Unmut der Menschen ertragen zu müssen. Ich nutze die verordnete Freizeit und mach mich auf die Suche nach dem passenden Setting.
Zwei Wochen später werde ich verwöhnt von wärmender Sonne, tropischen Düften und saftig-spriessender Natur.

Mein gefundenes Paradies

Was mich hier erwartet, hätte ich nie in meinen kühnsten Träumen für möglich gehalten. Ein Open-Air-Dschungelhäuschen, nur mit Gittern und Moskitonetzen von der Natur getrennt. Alles was man zum Leben braucht ist vorhanden, alles was man nicht braucht, ist auch nicht da. Mein Herz macht Luftsprünge.

Als erstes mache ich mich auf ins Dörfchen, welches in 15 Minuten zu Fuss erreichbar ist. Zuerst steil rauf, dann noch steiler runter. Bei jeder Gabelung mache ich ein Foto und zeichne Pfeiler ein, damit ich den Heimweg wieder finde. Was kauft man denn ein, um im Dschungel zu überleben? Darauf habe ich mich nicht vorbereitet.
Müesli, Früchte, Yoghurt, Avocados, Tomaten, gesalzene Crackers, Oliven, Olivenöl, Käse, Teigwaren, Nescafé, Milch und eine Flasche Weisswein schleppe ich in meinem Rucksack zurück. Das sollte erstmal reichen und wie sich herausstellt, war es eine gute Wahl.

Ich kriege mein Grinsen auf meinem Gesicht nicht weg, wie abgefahren ist denn das alles?! Ich hier… ganz alleine. Was erwartet mich, mit den Tieren, den Geräuschen, dem Alleinsein? Abends um 6 Uhr ist es stockfinster und ich staune über mich selbst, keine Angst, kein Unwohlsein, nur pure Faszination überschwemmt mich.

Ich brauche gute drei Tage, um zu realisieren, wo ich hier gelandet bin. Die Tage beginne ich mit Yoga, Atemübungen, Meditation und danach lasse ich mich staunend und fasziniert treiben, höre der Musik des Dschungels zu, beobachte Tiere und lasse mich von der atemberaubenden Pflanzenwelt verzaubern. Ich verlasse kaum mein Häuschen, weil mich jede Minute Abwesenheit reuen würde.

Am vierten Tag begebe ich mich wieder ins Dorf, um Lebensmittel einzukaufen. Es dämmert bereits bei der Rückkehr und beim Abstieg zu meinem Haus ist es bereits dunkel. Ein ängstliches Kribbeln überkommt mich zum ersten Mal. Eine Lichterkette führt mich zu meinem Haus, jetzt wird mir bewusst, wo und wie ich wohne. Ich gebe mir einen Schups und lasse das aufkommende Gefühl im Keim ersticken. «Hier bist du sicher, Tiere sind wohlwollend und Menschen sind weit weg, kein Grund zur Panik!» Seither achte ich darauf, dass ich bei Dämmerung zuhause bin. Auf diese Weise fühle ich mich eingebettet im Dschungel und nicht mehr als Fremde, die von der Aussenwelt ins Dunkle kommt. Um mich herum sind die Baumstämme der gigantischen Bäume beleuchtet von der Lichterkette, die meine Terrasse schmückt. Sie erscheinen mir wie Leibwächter, die mich vor dem schwarzen Nichts dahinter beschützen. Eingebettet in diese Lichtsäulen fühle ich mich wohl und behütet.

Nach einigen Tagen eingewöhnen, entscheide ich mich, die Umgebung zu erkunden…

The Beach

Anscheinend gibt es einen abgelegenen Strand, der nur zu Fuss erreichbar ist. Den «Pfad» (das sind leicht abgetretene Pflanzen) runter zum Bach, diesem entlang bis um die Kurve, ihn überqueren und links hinaufsteigen. Wenn oben angelangt der Hügelkante entlang bis zum tiefsten Punkt und dann rechts runter klettern. Mit dieser Beschreibung und einer leichten Nervosität gehe ich los, Handyempfang und Wifi gibt’s hier nicht.
Werde ich mich verlaufen? Wenn ja, finde ich jemals zurück?
Ich bin keine fünf Minuten unterwegs und finde weder Pfade noch irgendetwas, woran ich mich orientieren kann. Mist, das sieht hier alles gleich aus. Eine kleine Panikattacke überkommt mich, nach einem Umweg durch das Dickicht, ein paar Kratzern und Herzklopfen bin ich glücklich, mein Haus wieder gefunden zu haben.

Am nächsten Tag starte ich einen zweiten Versuch. Diesmal packe ich meine rote, wasserfeste Tuschfarbe und einen Pinsel ein. Damit markiere ich in regelmässigen Abständen Steine. Auch diesmal verlaufe ich mich und komme prompt wieder zu meinem Haus, anscheinend ging ich im Kreis. Ich ziehe gleich los für einen weiteren Versuch. Etwas mulmig zumute ist mir schon, aber anscheinend haben das andere auch geschafft, dann werde ich das auch. Diesmal klappt es! Ich habe mein Ziel erreicht, verschwitzt und zufrieden über soviel Tagesfitness.

Ein Robinson-Crusoe-mässiger Strand erwartet mich, kein Mensch da, nur ich. Das Paradies ist mir wieder einmal ganz, ganz nahe. Das türkise Wasser hat eine Temperatur von gefühlt 27 Grad, Pelikane und Papageien fliegen über mich hinweg und Schmetterlinge in allmöglichen Farben tanzen um die Wette. Das Salzwasser auf meinem Gesicht vermischt sich mit der Süsse meiner Tränen, das kann doch alles nicht wahr sein!

Tiere, Geräusche und dergleichen

Die Tage beginnen um 5.30 Uhr. Das ist der Zeitpunkt, an dem die Brüllaffen ihren Tag einschreien. Zum Glück wurde ich darauf vorbereitet, ansonsten wäre ich in Panik geraten. Dieses Brüllen beginnt mit einem Glucksen, wie wir es von Hühnern kennen. Danach entwickelt sich daraus ein Röhren, das sich in ein monströses, fauchendes Brüllen verwandelt, so wie man es bei blutrünstigen Monstern aus B-Movies kennt.

 

Das Gezirpe, Gequake, Gepfeife der unendlich vielen weiteren Dschungelbewohner ist eine 24-stündige Dauerbeschallung, die mit der Dämmerung sowohl morgens wie auch abends ihren absoluten Höhepunkt erreicht. Täglich werde ich von Affenhorden besucht, die sich quirrlig und fröhlich durch die Äste schwingen, ganz so, als gäbe es für sie keine Gravitation. Ich mache die Bekanntschaft mit Leguanen, Faultieren, Eichhörnchen, Ameisenbären, Eidechsen und Schlangen (kleine Schlangen ;). Mosquitos gibt es auch, dank der Trockenzeit nur wenige, aber diejenigen dies gibt, die lieben mich.

Zwei Wochen verbringe ich im Dschungel. Ich habe das Alleinsein bewusst gewählt, weg von Menschen, nur ich und die Natur. Mit jedem Tag fühlt sich der Dschungel vertrauter an. Ich erkenne Lianen, Bäume, Steine, Biegungen, Lichtungen und fühle mich mehr und mehr zuhause. «Dazugehören», das ist wohl das richtige Wort dafür. Das «Ich» ist nicht mehr im Vordergrund, sondern das «Alles». Mein Gefühl fühlt sich verliebt an.

Viele Bücher fanden Platz in meinem Gepäck und etliches an Malmaterial. Täglich ein Bild malen, das habe ich mir fest vorgenommen. Jetzt, am Ende meiner Dschungelauszeit, habe ich weder gemalt, noch habe ich gelesen. Zu kostbar war mir jede Minute. Ich wollte nirgends anders sein als genau im Hier und im Jetzt.

Die Reise geht weiter, aber über eines bin ich mir ganz sicher: Ich werde wieder kommen…

Inspiriert und glücklich,

Helen

Die Oberfläche interessiert mich, vorallem wenn man dran kratzen kann. Ich liebe es, Dinge zu hinterfragen, die Komfortzone zu verlassen, neue Türen zu öffnen und authentisch, bewusst und empathisch durchs Leben zu gehen. Als Künstlerin gebe ich weissen Flächen Lebendigkeit, als Fotomodel gebe ich Dingen ein Image, als Hair & MakeUp Artistin lasse ich Gesichter strahlen und als Trainerin für Körperhaltung & Tiefenmuskulatur fördere ich die Ausstrahlung und Gesundheit vieler Menschen. Meine Töchter bezeichnen mich als modernen, inspirierenden, eleganten Hippie, der das Leben spüren will und sich voll und ganz hineingibt.

Simone Krebs says:

Wie schön Helen! Dank deiner Beschreibung mit akustischer Begleitung konnte ich auch eine wunderbare Reise machen.

Gaby says:

Liebe Helen
Konnte mir lebhaft Vorstellen, wie es sich anfühlt im Dschungel zu leben mit all dem Geräuschpegel der Brüllaffen etc. Wirklich inspirierend es auch einmal zu erleben. Danke für Deinen Beitrag. Hätte auch kein Buch angefasst(obwohl ich Bücher liebe:)
Meine Katze im übrigen waren die Brüllaffen nicht geheuer😂.

Nicole says:

Wunderbar. Genau so etwas würde mich auch locken. Du wirst dein Paradies wohl nicht verraten wollen?

Anita says:

Inspiriert und glücklich – wunderschön, Deinen Blog frühmorgens beim Kaffee zu lesen. Macht mich happy

Susanna Roemmel says:

Liebe Helen
Danke für diesen inspirierenden und persönlichen Beitrag! Du hast meinen Morgen eingefärbt mit Fernweh und mit Sehnsucht nach Stille. Stille die Raum gibt um die Verbundenheit mit ALLEM zu spüren.
Es mag absurd tönen, weil es ja vielen Menschen gerade viel zu still und zu ruhig ist. Ich empfinde das nicht so. Es klopfen ständig über alle Medien Themen an, die mich aus der Stille in Unruhe treiben möchten.
Ich weiss genau, von welchem Gefühl du schreibst wenn du sagst dass du verliebt bist in den Zustand von “Dazugehören”, von ganz sein….Einheit!

Warme und herzliche Grüsse in deinen Tag!
Susanna

Helen Rinderknecht says:

Allerdings liebe Simone ; ) sie brauchen so viel Platz, die Bücher, aber wenn sie fehlen, dann ist es schlimm. Ob das Paradies wartet, weiss man zuvor meist nicht. In diesem Falle hätte ich sie definitiv zuhause lassen können.
Liebe Grüsse zurück

Simone says:

Liebe Helen,
was für ein inspirierender Text! Es geht mir jeweils genau so mit dem Packen: ich packe Bücher ein und lese sie nicht. Doch packe ich sie nicht ein, fehlen sie prompt! Aber wer vom Paradies schnuppern darf, braucht eigentlich gar nichts, ausser Orientierung.

Liebe Grüssee, Simone

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