Kochen, essen, trinken, Sex.

Kochen, essen, trinken, Sex.

Kochen, essen und trinken ist der Sex des Alters. Quatsch. Sex ist der Sex des Alters. Alles andere ist nur kochen, essen und trinken, was auch sinnlich ist, aber ab 50 nicht unweigerlich zu Sex führt. Eher zu Völlerei und Verdauungsproblemen. Denn mit den Jahren haben wir unsere Kochkünste derart raffiniert verbessert, dass das Kochen zu einem stundenlangen Ritual geworden ist, das unbedingt von ein paar Gläsern Wein begleitet werden muss. Selbstverständlich besteht das Essen aus mehreren Gängen, zu denen die passenden Getränke kredenzt werden. Und wer nach dem Dessertgang noch ein Plätzchen frei hat für ein paar selbstgemachte Macarons, der spült sie sich mit einem Schnäppschen runter. Spätestens jetzt hat der Körper keine Kapazität mehr für irgendwas anderes als die Verdauung. Nur im Kopf herrscht Leere, weshalb ein Schläfchen am Naheliegendsten ist. Wer nach derart kulinarischer Sinnesfreuden noch Lust auf Sex hat, dem hat es nicht geschmeckt.
Ich komme nach so einem Abend kaum noch zum Zähne putzen, weil ich unmittelbar nach dem letzten Bissen mit dem Schlaf zu kämpfen habe. Manchmal sogar vorher, je nachdem wie lange sich das Essen hinzieht. Es ist mir bei einer Einladung schon passiert, dass mich vor dem Dessert ein derartiger Anfall von Müdigkeit übermannte, dass ich mich – nur ganz kurz!!! – aufs Sofa setzen musste und erst am Ende des Abends durch heftiges Schütteln wieder zu mir kam. Wahrscheinlich habe ich auch noch laut geschnarcht.
Aber es wird natürlich nicht alles so heiss gegessen, wie gekocht wird und ich will mit diesen Schilderungen auch nicht behaupten, ab 50 sei es vorbei mit dem Sex. Im Gegenteil! Er ist zu einem alten Gefährten geworden, mit dem man einiges erlebt hat, den man unterdessen gut kennt, man weiss, was man an ihm hat, wofür man ihn liebt, man hofft, dass er einem ein Leben lang begleiten wird, aber zusammen Pferde stehlen, muss man mit diesem Gefährten nicht mehr unbedingt. Und er muss auch nicht bei jeder Gelegenheit mit dabei sein.

Als ich in meinen 20ern war, hat das noch ganz anders ausgesehen. Da waren kochen und essen höchstens die Rahmenhandlungen und die Kochkünste noch kaum vorhanden. Und trinken hatte noch nicht wirklich mit Genuss zu tun. Zum Apero gab es eine Flasche Freixennet demi-sec mit Chips, gefolgt von einer Fertigpizza mit einer Flasche süssen Weins, der einem restlos betrunken machte. Nun machte man sich entweder unter fadenscheinigen Ausreden aus dem Staub oder war bereit für den Hauptakt, der darin bestand, übereinander herzufallen. Diesen Akt habe ich in den besten Fällen als lustig in Erinnerung, manchmal auch als peinlich. Danach ass man im Bett Mövenpick Glacé aus der Packung oder trank noch ein Schlummer-Bier. Und wenn alles ganz toll lief, schaute man sich zusammen ein Video (VHS!) an. «Beverly Hills Cop» oder «Out of Africa» oder auch «Blade Runner», je nachdem, was man für die Zukunft noch so plante.
Und dann kam 1986 der Erotikfilm «9 ½ Weeks» in die Kinos und änderte einiges.

 

Mickey Rourke war damals noch ein richtiger Schnügel und Kim Basinger die absolute Sexgöttin: Unschuldiger Ausdruck, sinnliche Lippen und bei der kleinsten Erregung sofort gleichmässig verschwitzt, als hätte man sie mit Öl besprüht. Hat man wahrscheinlich auch. Und nicht nur das. In einer Szene vor dem Kühlschrank verführt Mickey die bebende Kim, indem er ihr die Augen verbindet und ihr verschiedenes Essen in den Mund steckt. Süsses und Bitteres und zum Schluss eine Chili, worauf sie dann irre geil einen Liter Milch runterstürzt und dabei die Hälfte über ihren Körper verschüttet. Dann war da noch irgendwas mit einem Eiswürfel und mit Honig. Ich kann mich nicht mehr genau an die Filmszenen erinnern, wahrscheinlich weil die Erinnerung an den Film von eher unangenehmen Erinnerungen der Realität überlagert werden. Denn diesem Film hatten wir es Ende der 80er-Jahre zu verdanken, dass einem ein jeder Liebhaber, der etwas auf sich hielt, mit Honig beschmierte und Essen in den Mund steckte. Letzteres auch gerne im Restaurant. Eine grauenvolle Zeit! Überall Fettflecken und das Bettzeug klebte am Rücken.

Schnell zurück in mein jetziges Alter! In der Lebensmitte führt exzessives Essen und Trinken leider nur zu mehr Fülle um die Leibesmitte. Und zwar nicht als faltenglättende, gleichmässig verteilte Umpuschelung des Körpers. Nein. Alles sammelt sich am Bauch. Evt. auch noch ein wenig am Arsch. Und dort ist dann auch die Stimmung, wenn man mit gefühlten zwei Harassen Bier um den Bauch – die man nur deshalb mit sich trägt, weil man das Bier bereits getrunken hat – auf ein Bike steigt, um einen irrwitzig hohen und steilen Berg hinaufzuradeln, nur um danach in einem irrwitzigen Tempo steil runterzubrettern. Und das alles nur, weil jemand gesagt hat, dass 50 das neue 40 sein soll? Was soll das überhaupt heissen? Dass wir 50er unsere schwer verdiente Lebensweisheit und Gelassenheit aufgeben sollen zugunsten des Lebensgefühls und Körperbewusstseins einer Alterskohorte, der wir seit 10 Jahren nicht mehr angehören? Da lehne ich mich aber lieber mal zurück, trinke ein Glas vorzüglichen Sauvignon Blanc, tätschtle mein Harassenlager um den Bauch und lasse dieses neue 40 sachte an mir vorbeiziehen. Im Übrigen: das Leben mit 50 ist nicht so schwer, wie uns das die Waage vormachen will.

Mein Vorbild ist Isabel Allende, die internationale Bestseller-Autorin, die in Interviews und in ihrem neuen Buch «Was wir Frauen wollen» über sich selber berichtet. Sie brauche Sex immer noch wie ein Teenager, aber sie sei im Alter nicht mehr spontan beim Sex: «Ich brauche Nähe, schummriges Licht, Zuneigung und Marihuana». Und was sich für sie sonst noch mit den Jahren geändert hat: Sie mache nicht mehr so leicht Zugeständnisse. «Keine High Heels mehr, keine Diäten und keine Geduld mit Idioten.»
Allende ist 78. Vielleicht ist ja 50 das neue 78?

Ich bin in Wettswil a./A. geboren, mitten in die Mittelschicht hinein und verbrachte eine behütete Kindheit auf dem Dorfe. Als pubertierende Gymnasiastin fabulierte ich gerne über die Fesseln des Kapitalismus und die Freiheit des Kommunismus, während ich mich träge am Rande des elterlichen Swimming-Pools räkelte. Nach der Matur und dem obligaten Sprachaufenthalt folgte ein Psychologiestudium. Nebenbei kellnerte ich und war vermutlich die schlechteste Bedienung der ganzen Stadt. Was aber in den 80-er Jahren total egal war, Hauptsache man trug wasserstoffblonde Haare. Die nächsten 20 Jahre verbrachte ich in der Werbung als Grafikerin und Illustratorin, bis ich unbedingt etwas ganz anderes machen musste. Kinder, zwei. Zusätzlich machte ich eine Ausbildung zur Maltherapeutin und eröffnete ein Malatelier für Kinder. Ich habe Zeit meines Lebens geschrieben. Als letztes für Giacobbo/Müller, SRF Comedy und als Kolumnistin für verschiedene Publikationen. Ich lebe mit meinen beiden Töchtern und einer sehr dicken Katze in Zürich. Ein gewisser Hang zur Ironie des Lebens ist mir aus den Tagen am Pool geblieben, auch wenn ich es heute um einiges leichter und mit viel mehr Humor nehme als damals.

Philippe says:

jaja, die 80er-Jahre. 🙂

Rebekka Burckhardt says:

Liebe Simone
Mein Harassenlager hat schön vibriert beim Lesen Deines köstlichen Textes!
Die Kombination : Marihuana rauchen & Harassenlager tätscheln könnte auch was sein, oder?
Ach, wofür der kostbare Honig alles herhalten musste wegen des totally überschätzten Lebensmittelsex à la 9 1/5 weeks….
Aber what happened in den 80igern stays in den 80igern, oder.
Wir weisen Ü50 brauchen ihn inzwischen ausschliesslich zum BioHühnerschenkel marinieren oder die eigenen Schenkel epilieren – in diesem Sinne frohes Wochenende!

herzlichst
Rebekka

Helen says:

sehr unterhaltsam liebe Simone … sitze lesend im Tram mit einem Dauergrinsen im Gesicht … niemand merkts 😷😅 … danke für diesen Aufsteller!
Helen

Simone Liedtke says:

Hahaha! So muss es sein. Danke dir!

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