Sonntag-
morgen auf dem Lande

Sonntagmorgen auf dem Lande

Von wegen ruhiger Sonntagmorgen auf dem Lande. Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Doch lest selbst.

Es begab sich letzthin an einem Sonntagmorgen. Die Tiere waren alle noch draussen auf der Weide, weshalb ich auch etwas länger schlafen konnte, bevor ich zu meinem morgendlichen Kontrollgang aufbrach, respektive losfuhr. Die Weidenliegen doch etwas weit auseinander.

Als erstes machte ich bei den Schafen halt. Die Heidschnucken, die ich halte sind zwar äusserst zierlich und das Fleisch schmackhaft, die Tiere selber aber eher schreckhaft und wild. Deshalb ist es immer etwas Vabanque, ob sie wirklich innerhalb des Zauns bleiben, vor allem über Nacht. Ich war also leicht angespannt, als ich bei der Weide ankam. Ein erster rascher Blick ergab, die Tiere weideten noch innerhalb des Zauns – gut. Der zweite Blick war dann weniger schön. In der Ferne sah ich am Zaun einen dunklen Knäuel liegen. Ich schaltete den Strom aus und ging hin. Die Befürchtungen erhärteten sich, es war ein totes Schaf. Irgendwie geriet es mit dem Kopf durch die Maschen des Flexinetzes, schaffte es nicht mehr zurück, verhedderte sich in der Verzweiflung immer stärker und erstickte schliesslich. Nicht gut am Sonntagmorgen.

Nichtsdestotrotz musste ich weiter zum Jungvieh. Auch diese lieben den Zaun nicht besonders und testen immer mal wieder persönliche Freiheiten aus. So stand, wenig überraschend, ein Kälbchen neben dem Zaun, respektive weidete dort friedlich. Weil es etwas klein geraten war, konnte es praktisch aufrecht unter dem Zaun durchgehen, was ich bemerkte als ich es wieder reingetrieben hatte.

Dann plötzlich – ein lauter Knall. Die Tiere zuckten zusammen und sprinteten kurz los. Von September bis Weihnachten ist in Graubünden immer irgendeine Jagd. Damals war Niederjagd. Tatsächlich rannte kurz darauf ein Hase im gestreckten Galopp durch die Viehweide. Zwei, drei Minuten später folgte ein Jagdhund, die Schnauze am Boden, auf der Verfolgung des Hasen. Der Hund allerdings rannte wieder den Berg hoch und den Hasen sah ich zuvor, abwärts rennen. Der Hase war gerettet und mein Sonntagmorgen so halb.

Ich bin Bauer – aber nicht nur, Journalist auch – aber nicht nur, Beizer manchmal, Familienvater immer und Ornithologe zum Teil. Ich bin vieles, weil ich die Vielfalt liebe und wohl deshalb hauptsächlich Bauer bin. Denn beim Bauern ist die Vielfalt integrativer Bestandteil. Mit fortschreitender Jahreszeit ändern die Arbeiten und werden meist auch mehr. Ich verarbeite meine Produkte selber, mache Käse nach verschiedenen Rezepten, Würste ebenfalls. Ich pflanze die höchstgelegenen Artischocken an, kultiviere Kartoffeln rarer Sorten, habe auch schon Safran gepflanzt oder Erdbeeren. Einiges davon auch wieder aufgegeben, beim Safran überleg ich mir aber einen nächsten Anlauf. Wirtschaftsingenieur war ich auch einmal. Aber zugegeben, das ist lange her. Und meine Freunde sagen einfach: Ich bin ein Bauer, der blufft.

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