Über Un- und Uhrsinn

Über Un- und Uhrsinn

Niemand braucht eine Armbanduhr: Das Handy zeigt die Zeit sehr viel zuverlässiger an, ist weniger anfällig, und seiner Datumsanzeige kann man auch dann trauen, wenn es mal länger rumliegt. Zweite Zeitzone, Mondphasen, Gangreserve: Wozu der Shizzle, wenn es Google gibt? Und sowieso: Ohne Gewicht am Handgelenk lebt es sich freier. Eine Armbanduhr passt eigentlich nicht mehr in unsere Zeit.

Es sei denn… man hat sich die Fähigkeit zu staunen bewahrt und ein Faible für feinmechanische Poesie. Denn es ist mehr als nur eindrücklich, wie das Perpetuum mobile eines mechanischen Uhrwerks sich selbst antreibt. Wie es trotz Reibungsverlusten nicht in Rückstand gerät, weil feingeschliffene Zahnräder korrigierend eingreifen. Oder wie die raffiniert angeordneten Stifte, Brücken, Rädchen und Federn auf kleinstem Raum zusammenspielen und einer übergeordneten Ordnung gehorchen, also der Zeit, die im Grunde ja so gar nicht fassbar ist. Was muss da getüftelt, geflucht und nochmals von vorn begonnen worden sein, bis man auf die weit über hundert Einzelteile kam, die auf den Hundertstelmillimeter genau gefertigt sein müssen, damit sie funktionieren.

Und sie funktionieren ja nicht nur: Sorgfältig poliert, strahlen sie um die Wette in diesem Werk mit seinen Verschalungen, die nicht selten mit einer prachtvollen Guillochage überzogen sind, einem Muster, das in hochpräziser Handarbeit ins Material geritzt wird. Wohlgemerkt: Wir sind jetzt erst bei den Geheimnissen im Innern eines Uhrwerks, das ja selten einer zu Gesicht bekommt.

Obendrauf kommt die Optik von Zifferblatt, Glasfassung, Bandanstössen, Zeigern und Indizes, auch sie alles andere als Zufall, denn die Modellreihen sind ihrer eigenen DNA unterworfen. Ob von 1945 oder von heute: Eine Rolex Datejust wird immer als solche erkannt, eine Patek Philippe Calatrava hat sich kaum je einem Trend gebeugt (und sich trotzdem immer ein bisschen verändert), von einer Jaeger-LeCoultre Memovox gibt es hunderte von Varianten, denen man allen auf den ersten Blick ansieht, aus welcher Familie sie stammen.

Schwere Schwungmassen, lichtreflektierende Lunetten, geheimnisvolle Codes auf Innenringen und Aufzugskronen, der Sound des Sekundenzeigers, den nur wahrnimmt, wer sich richtig Mühe zum Hinhören gibt, oder Bänder mit bis zu hundert Rippchen, die sich, ergonomisch zurechtgeschliffen, ans Handgelenk schmiegen: Eine Uhr ist eben nicht einfach eine Uhr.

Ob man sich vom Technischen her nähert oder vom Design, die historische Vision bewundert oder dem Brimborium einer Neulancierung beiwohnt: Ein Sinn für Uhren ist kein Unsinn – sondern der Genuss, in einer durchrationalisierten Welt einem Stück von Menschenhand gefertigte Magie zu huldigen.

Zu meinem Lieblingsthema Uhren kam ich ähnlich überraschend wie die Jungfrau zum Kind, wenn auch vermutlich in einer späteren Lebensphase. Nachdem ich mit dem Swiss Text Award und den Swiss Media Award ausgezeichnet worden war, wollte ich mir ganz einfach ein Mahnmal gegen meine Selbstzweifel anschaffen, also betrat ich das Uhrengeschäft, und sofort war da dieser Reflex: die Faszination von Altem, Gebrauchtem, weil solches die besten Geschichten erzählt. Doch die Verkäuferin redete mir die 1970er Vintage-IWC mit dem hellblauen Zifferblatt wieder aus: «Wenn es Ihre erste Uhr ist, fahren Sie mit einem Klassiker besser; sparen Sie sich die Eskapaden für später.» Die silbrig-schwarze Rolex Datejust, die ich heimtrug, stellte Erstaunliches mit mir an: Ich verfiel dem Wesen Uhr grundsätzlich, verschlang Bücher, abonnierte Magazine, recherchierte mich durchs Netz, blieb an Schaufenstern kleben und schaute selbst einer attraktiven Frau statt in die Augen fast lieber aufs Handgelenk. Seit nunmehr über zehn Jahren verantworte ich unter anderem das beyond Magazin der Beyer Chronometrie, für das ich die Grossen der Branche interviewe, mindestens so fasziniert bin vom unglaublichen Können einfacher Uhrmacher und mich ganz grundsätzlich mit den Facetten der Zeit auseinandersetze.

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