Spread your wings...

To know it is to love it

Kleiner Exkurs: McLaren Automotive mit Sitz in Woking in einem gigantischen futuristischen Technologiezentrum baut seit 1993 Strassenwagen. Ultraschnelle Super Sportwagen. Für eine Klientel, die bereit ist, bis zu siebenstellige Summen für so ein Gefährt auszugeben. Darf man das heute noch? Solche Autos fahren? Mit Vernunft hat das rein gar nichts zu tun. Es ist ungefähr so, wie wenn man als Fashionista gebeten wird, eine Saison lang Chanel oder Gucci oder Prada zu tragen. Man kann auch ohne, es ist Luxus, es ist unnötig. Aber es sind Legenden, die hinter den Namen stecken und man will – ich will – auf die Erfahrung nicht verzichten. Amanda McLaren heisst die Tochter des Firmengründers der Marke McLaren, Bruce McLaren, sie ist Ambassadorin der Marke. Amanda war vier Jahre alt, als ihr Vater 1970 bei einer Testfahrt in einem von ihm selbst gebauten Rennwagen auf dem Racetrack in Goodwood UK tödlich verunglückte. Man muss, glaube ich, kein Racingfan sein, um zu verstehen, dass der Name McLaren (nicht der Hersteller der Kinderwagen, die schreiben sich Maclaren) schon deshalb ganz viel Mythos, ganz viel Romantik und ganz viel englische Racing-Tradition beinhaltet (obwohl Bruce McLaren in Neuseeland geboren wurde, er gründete aber 1963 sein Racingteam in Feltham bei London). Bruce McLaren wollte immer auch Strassenautos bauen, das schnellste der Welt am liebsten. Kurz vor seinem Tod beschäftigte er sich noch mit einem Prototyp, dem M6GT, der den heutigen GTs und Spiders und überhaupt der gesamten Range schon ziemlich nahekam. Innovation treibe die Marke an, sagt Amanda McLaren; und ich sage: #womensupportingwomen. Also nichts wie vom Hof mit dem McLaren GT in Serpentine.

Carcatwalk

Es ist ein bisschen wie Schaulaufen. Selbst in der Luxus verwöhnten Region Genf, wo diese Testfahrt stattfindet, drehen sich die Menschen nach dem Auto um. Man kann ihn laut stellen per Knopfdruck, aber das finde ich zu aufsässig. Lieber im Understatement durch die Gegend gleiten, dabei helfen Reifen, die geräuscharm sind. GT steht für Grand Tourisme und bezeichnete in der Geschichte des Automobilbaus ursprünglich mal die Ausrichtung, Sportwagen auch für längere Fahrten bequem und komfortabel zu konzipieren. Um es kurz zu machen: Mit diesem GT ist genau das McLaren gelungen. Seine älteren Brüder hatten nicht mal Platz für ein Modemagazin, mein heutiger Reisebegleiter würde sogar zwei ganze Golfbags fassen. Stolze 420 Liter Gepäckraum kommen hinten und in Harrass grosser Form vorne unter der Haube zusammen. Das reicht.

Wellbeing

Waren die Modelle vorher auf brutale Sporterfahrung ausgerichtet, ist hier Komfort angesagt. Ich bin etwa vier Stunden unterwegs, gewöhne mich von Minute zu Minute mehr an die Fahrzeugtechnik, die denkbar simpel in der Bedienung ist. Zwei Knöpfe in der Mittelkonsole, mit denen man am Fahrwerk schrauben kann, aber die Grundeinstellung ist völlig okay. Das Auto hat wenig Spielzeug, sehr entspannend, keine überflüssigen Gadgets, ein kleines Display mit sinnstiftenden Digitalanzeigen im Cockpit, gerade genug, um nicht überfordert zu werden. Ich liebe die edle Lederausstattung, etwas, was spürbar Luxus bedeutet. Und ich finde, wenn ich mich so umschaue im McLaren GT: Du bist für Frauenhände gemacht. Aber so richtig. Griffig, handelbar, folgst direkt jedem Input, den man gibt, bist nicht widerspenstig, liegst gut in der Hand, bleibst auch in kritischen Situationen ruhig und gibst mir ein sehr angenehmes Gefühl, die ganze Zeit. Ich vermeide Stops, fahre an Fotopoints vorbei, weil es schöner ist, zu fahren, als zu stoppen. Und, ganz ehrlich: Ich will mich nicht zu oft aus dieser Position stemmen müssen.

Ein Richtiger

Nur ungern gebe ich den McLaren GT zurück. Das wäre einer für die Wunschliste, wenn man das nötige Kleingeld hat (er schlägt mit einem Grundpreis von über 220 000 Franken zu Buche, da muss man gar nicht erst überlegen…). Auf dem Rückweg, wieder in meinem eigenen Volvo, treffe ich ein Trio (männlicher) Kollegen auf einer Raststätte, die zwei McLaren zum nächsten Fahranlass transferieren dürfen. Sie geben sich supercool, stehen in der Sonne und schwadronieren über den martialischen Sportwagen, so ein richtiger Kerl sei er. Ich stimme zu: Genau der Richtige für Frauen. Steige lächelnd in meine Familienkutsche und lasse drei perplex dreinschauende Fragezeichen zurück.

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